Ein junger Bildhauer vor des Michaelangelos David stehend. Alleine.

Die Hallen sind leer. Es ist Abend.

 

Bildhauer (im Geiste sprechend): O! Überwältigt bin ich beim ersten Anblick dieser riesenhaften Statue. So  groß, so weiß, so schön. Aber laß mich nicht bei derart allzu gewöhnlichen ersten flüchtigen Eindrücken stehen bleiben, nachdem das Volk nicht mehr in Scharen hier ist, sondern eine Kopie betrachtend, die zum Verwechseln diesem Stein hier ähnlich sieht, fern ist; und damit mir Ruhe gegeben ist, das Meisterwerk würdig zu betrachten.

Der Stand ist zwar unbeschreiblich, ich will es dennoch versuchen. Kraftvoll verankert steht David mit dem Grunde. Bei sorgfältiger Betrachtung spüre ich, wie er die Kraft gleichsam einem olympischen Athleten aus diesem Bein schöpft und wie dieselbe stark hinansteigend an der Hüfte sich zu mildern beginnt, um sodann in leichter Biegung zur Brust hinzusteigen, wo sie vollendens sich in der geschmeidigen breiten Brust erweitet. Von dort fällt sie dann langsam in die Tiefe, gleich einer kraftvollen Welle, die nach spannungsgeladenem Aufwallen mit beginnender Schaumkrone niederzufahren anfängt als schäumende Kraft; so auch des Davids Kraft, die als Blut durch seine Adern den rechten Arm hinunterwallt, um in einer der kräftigsten Hand, die ich je gesehen, sich zu sammeln.

Daß diese Spannung das Ganze nicht aus dem Gleichgewicht bringe, hat der Meister ihr ein gewichtiges, idelles Haupt samt überstarken edellangem Halse gegeben; somit verbreitet sich über die Figur, obgleich jede Muskel für sich selbst in ihrer Stärke und Fülle, wie es für die Michaelangelo bezeichnend ist, aufschwellen und als eigenes Lebewesen ausbrechen will, eine stille Größe.

Im David also sehen wir eine irdische naturkräftige Stärke vereint mit einer göttlichen Stille, jene in den einzelnen Gliedern und Muskeln, diese in der harmonischen Einheit des Ganzen und der edlen einfachen Haltung. Die Naturkraft zu bilden war Michaelangelos Stärke in Männern (hätte er den Goliath in doppelter Größe ausgeführt, er wäre ihm vielleicht noch besser gelungen), aber seine Schwäche in zarten Weibern; hier hat der gutmütige Genius ihm aber soweit beigestanden, daß er ihm die ganze Figur mildernd die Hand führte (wie es außerdem in seiner Pieta geschehen ist), und ihm David zu seinem milden Titanen wurde.

Am meisten sieht man den Einfluß dieses seines griechischen Genius in den Beinen und dort vor allem im linken. Diese Formen sind, in Winckelmanns Sprache zu reden, in ihrer jugendlichen Einheit groß. Tänzelnd und leicht erscheint dieses linke Bein.

Ich erdreiste mich nun auch kurz zu  erwähnen einen Tadel, den man aber, sobald er ausgesprochen, wieder vergesse; denn erst, wenn ich in meiner Vollendung des Torso von Belvedere, also in der Ersetzung der fehlenden Teile desselben mit eigener Hand, nicht bloß eitlem Wort gezeigt habe, was ich mit den folgenden Zeilen beabsichtige, soll man diese Kritik, dienlich den David in seiner Vollendung noch zu erhöhen, ernsthaft in Betracht ziehen.

Ich sage also: die schöne anmutige Form, die er vorzüglich im linken Bein erreicht hat, hätten an den Stellen des Illiums Knochen, den Flanken, den Ansätzen mittig der Brust des pectorialis maior, am Munde und an den Augenbrauen erreicht, einen Schritt näher zur griechischen, idellen Schönheit den David hingehoben, denn an diesen Stellen hat er seine Meisterschaft im genauesten anatomischen Studium des menschlichen Körpers, über die Liebe zur schönen Form gesetzt. Genug. Nur noch ein Satz dazu: Er hat also die naive, einfach griechische Form in genannten Teilen zu sehr verlassen, um in Richtung der überexacten naturwissenschaftlichen Anatomie zu gehen. Der menschliche Körper ist nämlich dann am schönsten, wenn alle Teile gleich Wasser harmonisch ineinanderfließen, und Knochen und Muskeln nur soweit feste prägende Formen sind, ihn über die bloße Fischgestalt hinauszuheben; nicht aber, um zu unschönem Stuckwerk zu werden, das überflüssig sich nicht in den großen göttlichen Bauplan, die Idee des Menschen passend einfügend, am Körper findet.