Man muß meinen Ferdinand lesen, wie ein Wanderer einen Naturpfad genießt: Man muß für die kleinen Blätter und Blumen am Wegesrande stehenbleiben, nicht zum Ende hineilen wollen; denn sonst eilt man an der Schönheit und dem Schwelgen in derselben vorüber.

 

  1. Bild

Die Tochter des Meeres 

[Schauplatz ist eine italienische Insel mitten im Meer, welches wie ein dunkelblauer Diamant in voller Größe daliegt, hinfließt zum Horizont und in glitzernden Sternenstaub endigt.

Am Bootssteg, vormittags, ein Mann stehend in Unruhe. Eine Tochter des Meeres ihn erblickend, aus dem Wasser heraus.]

 

Tochter des Meeres: Willst du schon wieder dahinziehen? Fort? Aufs Neue?

 

Ferdinand: Mein Herz ist unruhig wie der Wind.

 

Tochter des Meeres: Aber dieser wehet doch gar nicht. Hörst du nicht die Stille über dem Meere?

 

Ferdinand: Du sprichst wahr, glatt liegt das Wassertuch.

 

Tochter des Meeres: Setz dich an diese Marmormauer. Laß die erblühende Sonne dich wärmen, während ich dir erzähle, was ich morgens sah.

 

Ferdinand [sich ans Wasser auf die Marmormauer setzend und seine Füße daran hinab zum Wasser baumeln lassend]:

Hier ist die Welt so groß. Zu ruhig liegt sie mir, Unruhigem. Ich bin zerrüttet; meine Gedanken ziehen mich fort.

 

Tochter des Meeres: Sieh, die dunkele Tanne dort, auch ihre Ausläufer sehnen sich nach allen Seiten des Himmels. Dennoch stehet ihre Mitte dunkel kühl, schweigend ruhig. Verharre mit ihr.

 

Ferdinand: Ach, du sprichst schön! Worte, fremd der Welt, aus der ich kam.

 

Tochter des Meeres: Sieh‘ die Vögel, sie setzen sich. Höre mit diesen immerhüpfenden Wesen. Wenn sie still sitzen, sollst auch du gleiches tun. Höre meine Geschichte.

 

Ferdinand: Gerne lausche ich, wenn mein Herz sich beruhigt, denn schöner als meine Geschichte ist deine sicherlich.

 

Tochter des Meeres: Heute wachete ich früh. Rosengold stand am morgendlichen Meeresband. Die große Mutter kam langsam im hellesten, sattesten Kleide über die Erdkante gezogen. Und mein Tag ward in dieser jugendlichen Frische geboren, - leuchtend. Und ich war die vor kraftüberströmende Venus, stieg aus der großen Schale des Meeres heiter in den neugeborenen Tag hinein. In diesem Übermut schwamm ich weit ins Blau hinaus. Zwischen den singenden Fischschwärmen flog ich knapp unter der Wasseroberfläche dahin. O, wie schön es glitzerte. Ebenso schön wie…

[Tochter des Meeres schauet suchend umher] dort drüben [deutet mit dem Fingerchen nach einem Berg am Meereshorizonte] das Meer glitzert! Vorm großen Berge, der den schimmernden Meeresdiamanten der Nachthimmel ist, vor dem sie scheinen wie bunte Sternchen. So toll und tanzend glitzerte es um mich, als ich Richtung eben jenem diesem großen Berge schwamm, den ich immer ansteuere.

Als ich auftauchete und mich umblickete war ich neben einer Gruppe von Bäumen aufgetauchet, die wie aus dem Meere direkt gewachsen schienen. Ihre dunklen Tannenarme breiteten sie so schön über das Geschaukel der Wogen. Und ich sah darauf wunderbare Tannenzapfen! Die, welche meine Herrin so gern hat! Dieselben dufteten nach frischem Harz - dem Honig der Bäume. Ich pflückete ihr ganz viele. Aber da lange ist der Weg zurück hierher, verlor ich die kostbaren Schätze alle am Wege. Ich hoffe, es sprießen prachtvolle Tannen von dort, wo sie hinfallen am Meeresgrunde. Einen habe ich bis hierher gebracht.

 

[Zeigt einen dicken harzumflossenen Zapfen.]

 

Ferdinand: Ich rieche die Süßigkeit der Sommernatur, gleichsam die Herbe ferner Meereswogen. Dein Blick kündet die Freude der langen geschafften Reise und Vorfreude zu übergeben das Geschenk deiner Freundin. Deine Augen glitzern so jugendstark, voll jungfräulichem Zutrauen und Weben im herannahenden Mittag.

O! Hätte ich doch deine Sanftmut, die diesem Orte gebührend huldigt.

 

[Eine Wolke bedeckt die Sonne und beschattet die Szene.]

 

Aber über mir schwebt ununterbrochen ein Schatten. Meine Himmel sind nicht frei, weit und morgenklar. Immerzu nagt an meiner Seele ein rastloses Tier.

 

[Die Vögel zwitschern heftig und fliegen ihre Kreise am Tannenwipfel.]

 

Tochter des Meeres: Verzage nicht, geh - bring meiner Freundin ihren geliebten Dufte. Der Weg wird dein Herz klären und deinen Weltenunmut zähmen.

 

Ferdinand: Ist sie denn hier?

 

[Eine Harfe erklingt aus der Ferne, die Sonne bricht durch. Ferdinands Gesicht hellet sich.]

 

Auch wenn mit dem Wind nur zart die Töne heranklingen, gelindert wird die Melodie durch die Ferne, so höre ich doch die Milde der Schönen, die Feinheit ihrer Hand, die über diese Insel einen geläuterten Mittag anstimmt.

 

Tochter des Meeres [mit einem sonnengesandten Lächeln im blühenden Gesichte]:

Die Milde des Mittages findet sich in deinem Wesen ein. Bringe ihr diesen Zapfen als Geschenk. Sag ihr, daß ihr Spiel, gleichwie dieser Honig den Zapfen umfließet, die Insel einhüllet. Sag ihr, daß die Sonne im klingenden Bande ihrer Musik glänzet und daß unsere Herzen darin sich bergen. Sie soll immerzu spielen, dann bekäme sie ihrer lieblichduftend geliebter Zapfen noch Hunderte.

 

[Ferdinand nimmt den Zapfen entgegen.]

 

[Einige glänzendgelbe Schmetterlinge flattern von der nahen Wiese her; umflattern den harzigen Zapfen. Einer trinkt vom Honig der Bäume, dann umschweben sie die Tochter des Meeres und flüstern ihr ins Ohr.]

 

Schmetterlinge: Geh nun. – Das Meer es wartet schon,

deine Delphine stehen bereit,

sei ihr spielend Tanzgeleit,

laß es sein dein Arbeitslohn.

Schwimm mit den Wellen

des Nachmittages fröhelich,

sie freuen sich hin und

herschwankend

schon auf dich.

 

[Tochter des Meeres taucht unter. Die Delphine springen schon in der Ferne. Sie schießt als eleganter sonnenerleuchteter Pfeil unter der Wasseroberfläche hinweg.]

 

Schmetterlinge [zu Ferdinand]:

Du warst lang nicht hier,

Kennst du vom Stege,

noch zu ihr,

den Wege?

 

Ferdinand: Ja! Meine kleinen Kumpanen. Wie könnt ich den vergessen!

 

Schmetterlinge: Laß uns dir einen neuen zeigen,

gleich hier vorbei am Baum mit Feigen,

am Meer entlang,

beim Wellengang,

klingt noch lieblicher unser Gesang.

 

Ferdinand: Jedoch ich geh so gern den anderen, mir bekannten Wege. Auf ihm sind die Steinplatten so herrlich ins Gras eingebettet. Und die warme Steinmauer mit ihrer Bekanntheit behagt meinem suchenden Blicke. Und die warme brütende Luft umhüllt mich an seinen windstillen Stellen.

 

Schmetterlinge: O! Menschenkind,

nun komm geschwind.

Immerzu zu gehen, was dir bekannt,

dadurch wird aus dein’m Leben die große Welt verbannt,

All die Stellen, die du achtend,

uns beschriebst,

sind im Mittag

dem Schmetterlinge schmachtend,

auch sehr lieb.

Doch manchmal ist frischer Meereswind,

heilsam dem Menschenkind.

 

[Drängen ihn vorbei am Feigenbaum zum Meere hin.]

 

                               Die Kristalle schimmern,

                               wie das Meer dir entgegensingt,

                               neue Weite dir entgegendringt,

fremde Hoffnungen horizontennahe flimmern.

                               So wirst du den Lebensdrange spüren,

                               laß nur zutrauend Natur dich führen, -

                               hinführen - durch den Nachmittage,

                               dann bist du abends in guter Lage,

erschöpft und randvoll mit schönen Eindrücken,

kannst gelinde des Tages Résumé dir schmücken.

 

Ferdinand:          O! Das Meer ist weit,

O! Ich lebe auf! Große Möglichkeit!

Ihr zart wehend Wesen,

ihr kommt vom Naturgeist mir erlesen!

Schmetterlinge: Siehe da. Nun sprichst du schon in Reimen.

Denn wisse wohl:

der Kern der Natur

ergründet sich

im Reime nur.

 

[Flattern dahin im Hauche des Windes.]