Selbstgespräche  eines Menschen zur Jahrtausendwende

 oder

 Meditationen eines Erkennenden

 

von

Moritz Kaufmann

 

 

in den Jahren 2021 und 2022


Vorwort

Da ich fand in meinem Leben, daß ich viel dachte, aber mir davon wenig blieb, d. h. ich sehr bald die Entzückung vergaß oder der Gedanke sich im Rückblick schon bald nicht mehr so reich und klar darstellte, so beschloß ich mir meine Gedanken und aufsteigenden Vorstellungen, sooft ich in einem inspirierten Moment mich entzückt von der Bewegung meines Geistes befand, wobei mir meine Gedanken wertvoll erschienen, zu bewahren, indem ich sie als Tonaufnahmen auf mein Smartphone niedersprach. Dieses Buch ist nun die Niederschrift dieser sehr mannigfaltigen Gedankenaufzeichnungen.

geschrieben von Moritz Kaufmann

 den 10.Mai 2023, in Wien (Österreich)


Hat Wille Endzweck?

23.Dezember 2021

Zu urteilen, ob der Wille einen Endzweck hätte, heißt die Welt im verblendeten Wahn als göttliches Wesen absolut anzusehen und somit in der fortschreitenden unendlichen Reihe der Zeit zu vermeinen in der Lage zu sein, bestimmen zu können, diese Reihe laufe auf etwas hin. Aus unserer Denkfunktion der Kausalität, d. i. daß auf eine Wirkung eine Ursache folge, entspringt die unendliche Suche nach dem Grund; so suchen wir also unseren Ursprung und versuchen empirisch alle Wirkung aus der Ursache abzusehen, auch dort, wo wir nicht zeitlich und räumlich fragen sollten; daher ist das Fragen nach einem absoluten Sinn des Daseins, d. h. ein die Zeit und den Raum transzendierendes Fragen, ein uns als Individuo, mit den uns gegebenen Denkoperationen, übersteigendes Fragen.

Aber ich frage trotzdem: „Sind wir erst die Blätter der großen Lebenspflanze, oder schon die goldene Blüthe?“

Das Erstaunen ist das höchste und edelste

10.Januar 2022

Das Erstaunen über die Einheit der Welt ist das höchste und edelste, zu dem der Mensch fähig ist, und pedantisch getriebene Naturwissenschaft ist zwar von praktisch großem Nutzen, aber keineswegs von moralischem! Wenn also ein Mensch nicht angelangt ist vor der golden schimmernden Sphinx des Daseins und dieselbe im Erstaunen bewundert und dieses Staunen ein verklärtes wird, ein rein intelligibles - ein Vermögen das Parmenides mit Namen νοῦς genannt hat, dann war er kein wahrhaftiger Mensch, jedenfalls kein Erkennender.

Allein dem Schmetterlingenliebesspiele schauend

14.Juni 2021

Was wäre mir diese Welt… was wäre mir diese Welt, wenn ich Freunde hätte, wenn ich geistige Freunde hätte? So red‘ ich Tag für Tag und mir wird es ganz bang dabei im Magen; schon seit Monaten hab‘ immer wieder Schmerzen ich im sauren Magen, weil solchartige Umstände mir darauf schlagen. Ich bin kein Mensch aus Granit, ich bin eine Poetenseele, zart und fein, und ich bin sehr allein. So singe ich Tag ein Tag aus mein Lied: wie wär das Leben nur, wenn ich hinauf richten könnt mein Blick zur blauen Himmelsflur und ruhend mit Weltgeborgenheit hinleben könnt. Was bräuchte ich dafür? Dieses dichterisch verzweifelte Imkreissichdrehen, das bringt dich nirgends hin. Was brauchst du mein Freund? Du brauchst Liebe. Du brauchst Menschen, deren Widerstreit dich belebt, deren geistreicher Widerstreit oder deren geistiges Geleit in Höhen zu schwingen dich ermuntert, Inspirationshöhen, von denen aus allein das Leben edlen Seelen nur erträglich ist.

Ach, was rede ich da! Schau an diese rollenden Hänge, diese Tannen, wie sie in Reih und Glied dicht an dicht sich über Felsen hin zur Spitze kämpfen und dann in Gebüsch und Föhrenwerk übergehen, um dort oben der erhabenen Steinwand Platz zu machen, die durch ihre raue Oberfläche tausendfache kleine Köstlichkeit, vom Sonnenglanz herausgemeißelt, so mannigfaltig dem Auge darlegt. Ach, welche Pracht! Und die obersten Spitzen, sind von edlem leuchtendem Schnee bedeckt; sowie die Säfte in der Pflanze vom Stängel hinauf zu Blüthe steigen und dort erstrahlen, so erstrahlt hier das von dieser göttlichen Natur gesäuberte Wasser als Schneefeld so rein und weiß am obersten Gipfel und seinen Ausläufern. Und wie blau der Himmel ist, ich sah nie ein so herrlich blau. Was will ich mehr in diesem Leben?

Ich will, daß diese Natur belebt ist, mir modernem Mensch! Das Satyren springen hervor hinter diesem Bäumchen, das hinter jedem wehend Blatt hervorsteigt ein Feenwesen. Doch, wenn du mit Menschen nicht im Einklang bist, dann kommen dir auch keine Feenwesen und ähnlich menschliche Gestalten oft, dann siehst du nur hin mit Liebe und mit Tränen in dem Aug auf zwei Schmetterlinge…auf zwei Schmetterlinge, die vor diesem blauen klaren Himmel sich gegenseitig zutraulich umflattern im sommerlichen Spiel, so fein fliegend, so wahr. Nicht erdichtet, nicht überzogen, nicht überspannt, nein, einfach nur stillschauend bist du und blickst hin auf diese wahre Begebenheit zweier bunter göttlichfunkelnder buntgesprenkelter Wesen, die im leichten Wind ihr Liebesabendspiel vollführen.

 Schwarzes Loch als Auge Gottes

10.Januar 2022

Ich hatte da auch noch die erhabene hypothetische, wohlgemerkt poetische, Idee, auszusprechen, daß ein schwarzes Loch ein großes Auge des Universums sei, durch daß uns Gott entgegen anstarrt, durch das uns auf der anderen Seite der Welt etwas ansieht. Die Idee war mir groß und erhaben, als ich sie dachte; und wahrlich ist eine Analogie festzustellen zwischen einem Auge und einem schwarzen Loch: denn sowohl die schwarze Pupille empfängt Licht als auch das große schwarze Ungetüm, und beide lassen’s nicht mehr ziehen sondern, erzeugen im Inneren ihre Bilder damit.

Was geschieht nun aber hinter diesen schwarzen Kreisen? Da es mir bloß von dem menschlichen Auge bekannt ist, sag ich dieses an. Zuerst bündeln sich die Strahlen durch die Linse und werden auf die aufgespannte Halbkugel der Retina geschickt, wo sie qualitativ geteilt werden, in farbigen und unfarbigen Zapfen, welche dadurch verschiedenartig elektrochemisch angeregt die Signale zum optischen Chiasmus weitersenden, in welchem sich die Signale kreuzen und zum hinteren Hirnareal weiterlaufen, wo sie dann auf wunderliche Art uns zu wunderhaften Bildern werden. Was wohl Gott sich denken muß beim Empfang der Sonnen gewaltiger Lichtströme hinter seinem riesenhaften Auge?